Sprache sichtbar machen:
Zwei Berufe mit dem gleichen Ziel


Mitte Oktober hatte ich das Vergnügen, mit Carmen und Roland Hick von https://schriftdolmetscher.kontextpartner.de/ über Sprache, Kommunikation und Berufsethik zu sprechen.

Carmen ist Schriftdolmetscherin, sie schreibt also für Menschen mit Hörschädigung in Echtzeit mit, was beispielsweise bei Kongressen gesprochen wird. Ich selbst bin kreative Marketingübersetzerin für Frankreich und die Schweiz und befasse mich mit Werbekampagnen, Websites und Headlines. Auf den ersten Blick zwei sehr verschiedene Berufe, doch je länger wir miteinander sprachen, desto deutlicher wurde, dass uns mehr verbindet, als man vermuten würde.

 

Die gemeinsame Basis

„Bei Carmen entsteht der Text live, bei Cybèle ist er bereits durchdacht formuliert“, fasste Moderator Roland Hick treffend zusammen. Während Carmen spontan mitschreibt, was gerade eben gesprochen wird, arbeite ich mit bereits ausgearbeiteten Texten, die ich in eine andere Sprache und Kultur übertrage.

Doch das Ziel ist dasselbe: Sprache sichtbar und verständlich zu machen. Beim Übersetzen steht die inhaltliche und kulturelle Anpassung im Vordergrund, beim Schriftdolmetschen die unmittelbare Teilhabe an der Kommunikation, in der Schule, im Beruf oder auf Veranstaltungen.

 

Zielgruppen

Ich übersetze für Agenturen und Direktkunden, meist mit Sitz in der Schweiz oder in Deutschland. Die Inhalte reichen von Werbekampagnen über Blogs bis zu Kinderspielen. Entscheidend ist, selbstverständlich zusätzlich zur korrekten Übertragung, die Sprache der Zielgruppe zu treffen – ob kindgerecht, werbend oder sachlich. Carmen dagegen arbeitet für Menschen mit Hörschädigung, die durch das Schriftdolmetschen barrierefrei kommunizieren können. Sie überträgt das Gesprochene wortgetreu oder zusammenfassend in gut lesbare Schriftsprache. Ihr Ziel ist gelingende Kommunikation.

Trotz aller Unterschiede gilt: Wir arbeiten nutzerzentriert. Wir müssen genau wissen, für wen wir schreiben und was die Menschen brauchen, um wirklich zu verstehen.

 

Professionalität

Ich arbeite zumeist allein, oft aber im Vier-Augen-Prinzip: Eine Kollegin prüft abschließend meine Übersetzungen, bevor diese an den Kunden gehen. Wir nutzen dabei Glossare, Datenbanken und Stilrichtlinien, um Konsistenz zu gewährleisten. Die Aufnahme in den Berufsverband BDÜ gilt als Qualitätssiegel – verbunden mit einer fachlichen Prüfung und dem Nachweis langjähriger Berufserfahrung.

Beim Schriftdolmetschen dagegen ist Teamarbeit unerlässlich. Zwei Dolmetscherinnen arbeiten parallel: Eine schreibt, die andere kontrolliert oder ergänzt dezent in Echtzeit. Zertifizierungen und die staatliche Prüfung sichern hier die Qualität und sind Voraussetzung, damit öffentliche Kostenträger, etwa Krankenkassen oder Integrationsämter, die Einsätze finanzieren.

 

Preise und Rahmenbedingungen

Ein klarer Unterschied zwischen unseren Tätigkeiten liegt in den wirtschaftlichen Strukturen.

Übersetzerinnen arbeiten in einem freien Markt mit Wort- oder Zeilenpreisen. Agenturen geben ihnen enge Fristen vor, und seit dem Aufkommen von KI-Tools hat sich der Druck weiter verschärft. Beim Schriftdolmetschen hingegen sind die Honorare gesetzlich geregelt, weil sie auf einem Rechtsanspruch auf Kommunikationshilfe beruhen. Finanziert wird meist durch öffentliche Stellen, doch auch hier wächst der Kostendruck. „KI wird oft als Ersatzlösung gesehen“, sagt Carmen, „doch automatisierte Transkriptionen können keine Sinneinheiten erfassen.“ Das gilt ebenso fürs Übersetzen: KI kann Texte erzeugen, nicht aber den Sinn verstehen. Sie kombiniert Wörter nach Wahrscheinlichkeiten, während wir Menschen den Zusammenhang erfassen, zwischen den Zeilen lesen und kulturelle Nuancen berücksichtigen.

 

Sinn und Motivation

Beide Berufe erfordern Konzentration, Flexibilität und Leidenschaft für Sprache. Was uns antreibt, ist die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit. Wir bauen Brücken – ich zwischen Kulturen, Carmen zwischen Hörenden und Hörgeschädigten. Mich erfüllt die kreative Seite: das Jonglieren mit Sprache, das Finden des perfekten Ausdrucks. Carmen wiederum schätzt das unmittelbare Feedback: „Wenn jemand nach acht Stunden Fortbildung sagt, dass er dank uns alles verstanden hat, ist das unbezahlbar.“

 

Fazit

Je länger unser Gespräch dauerte, desto klarer wurde: Wir beide machen Sprache sichtbar, wenn auch auf ganz unterschiedlichen Wegen.  
Wir arbeiten für Menschen, die verstehen wollen und teilen denselben Anspruch: Kommunikation soll gelingen, menschlich bleiben und Sinn stiften.

01.12.2025